Giro de Adriatico – Etappe 6: Kulinarisches Kabarett in Dubrovnik

Tag sechs der großen Rad-Tour wirft das erste große Ziel aus: Dubrovnik.

Wir lassen Gradac hinter uns und fahren zunächst die ersten Kilometer auf der Küstenstraße, auch Magistrale genannt.

Erstes Highlight des Tages: Eine kurze Pause, um die Baćina-Seen zu bestaunen. Eine aus sieben Seen bestehende, fast unberührte , wunderschöne Seenkette, 13 Kilometer südlich von Gradac.

Wieder ein paar Pedaltritte später biegen wir von der Küstenstraße ab und nehmen Kurs auf die Hafenstadt Ploče, nach Rijeka der zweitgrößte Hafen Kroatiens. Über eine große Brücke geht’s über den Fluss Neretva und wir tauchen ein in die Obst- und Gemüsekammer Kroatiens im sogenannten Neretva-Delta.

Die Neretva entspringt in Bosnien-Herzegowina und hat eine Länge von 225 Kilometer. Nur 22 Kilometer schlängelt sich der Fluss davon in Kroatien entlang, wo die Neretva ins Adriatische Meer mündet. Als wir an einem lang gezogenen Strand entlangfahren, sehen wir ein Auto, das uns sehr vertraut vorkommt. Es ist unser Begleitfahrzeug. Unser „Fluchtwagenfahrer“ steht ganz cool am Meer und fischt.

Wir radeln am Nest Blace vorbei und wissen nicht, wohin wir unsere Augen zuerst richten sollen. So viele Natureindrücke erlebt man selten. Das saftige Grün des Anbaugebietes im Delta, als auch die vielen Wasseradern lassen uns erstaunt innehalten. Nach dem Neretva-Delta biegen wir wieder auf die Küstenstraße. Unser Präsident, ein Meister im Kartenlesen, lässt uns von der Hauptstraße wieder abbiegen. Im Hinterland soll es Richtung bosnischer Grenze gehen.

Nach einem kurzen, knackigen Anstieg erreichen wir Slivno Ravno. Hier sagen sich Fuchs und Henne gute Nacht, um diese Phrase sinnvoll unterzubringen. Und: Es führt hier keine vernünftige Straße weiter, auf der ein halbwegs schnelles Vorankommen gewährleistet wäre. Hauptsache wir haben Slivno Ravno gesehen und ein paar Extra-Kilometer geschunden. Also entscheiden wir uns endgültig, auf der Magistrale zu bleiben.

Herrliche Ausblicke auf das Meer lassen das Radfahren total leicht erscheinen. Als „Go with the flow“ könnte man diesen Zustand bezeichnen. Nach dem Hafenstädtchen Klek sehen wir schon von weitem die Grenzstation zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Der Vorteil mit dem Rad: Stau gibt es für uns keinen. Wir rollen an der Autoschlange vorbei, kurze Passkontrolle und wir sind im zweiten Land unserer Tour.

Rund 20 Kilometer ist der Küstenstreifen breit, den Bosnien als Zugang zum Meer besitzt. Der wichtigste Ort hier ist Neum. Nach einer kurzen Labe biegen wir zur Abwechslung wieder einmal ins Hinterland ab, um von der viel befahrenen Küstenstraße wegzukommen. Aber das Hinterland – die Stichworte lauten nur Slivno Ravno, Fuchs und Henne – sollte uns an diesem Tag kein Glück bringen.

Auf der Karte ist ein paar Kilometer hinter Neum ein internationaler Grenzübergang eingezeichnet. Nur: So international ist der leider nicht. Der kroatische, etwas ältere Zöllner, seinem genervten Auftreten nach zu schließen, mit Sicherheit durch die klassische jugoslawische Zöllner-Ausbildung gegangen und seine junge bosnische Kollegin haben soeben das Tages-Highlight vor sich. Denn viele Touristen, noch dazu EU-Bürger, dürften hier nicht vorbei kommen. Und die müssen wir ein wenig pflanzen…

Ganz lässig werden unsere Pässe eingesammelt. Und dann ziehen sich die beiden Herrschaften in ein Grenzhäuschen zurück, um unsere Dokumente zu überprüfen. Wir warten, warten und warten. Nach mehr als 20 Minuten bequemen sich die beiden Wachorgane wieder zu uns, nur um uns mitzuteilen, dass wir wieder zurück nach Neum müssen. Verhandeln ist an dieser Stelle völlig zwecklos. Der Zöllner deutet, dass der einzige Grenzübergang für uns auf der Küstenstraße liege.

Also radeln wir zurück nach Neum, die paar Kilometer sind jetzt aber wirklich auch schon egal.

Bilder: Etappe sechs des Giro de Adriatico

Rund 50 Kilometer vor dem Ziel erklärt uns der Presidente, dass man zum ersten mal die Bucht von Dubrovnik sehen könnte. Kennen Sie dieses Gefühl? Man prägt sich einen Punkt ein und kommt diesem Punkt einfach nicht näher. Zum Glück ist das nur ein Gefühl, denn in der Realität kommen wir unserem ersten großen Ziel tatsächlich von Minute zu Minute näher. Dubrovnik, endlich! Aber was will der Präsident nun schon wieder?

Knapp vor der imposanten Dubrovnik-Brücke, auch Franjo-Tudman-Brücke, benannt nach dem ersten Präsidenten Kroatiens nach Erlangung der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991, „zwingt“ uns der Reiseleiter, von der Hauptstraße abzubiegen und in eine Bucht zu fahren. Warum, das sollten wir knapp fünf Kilometer später erfahren.

Am Ende der Bucht, an deren Ufer Immobilien-Spekulanten den großen Reibach in Form von neuen – zum Teil wirklich hässlichen Wohnanlagen – wittern, sprudelt die Ombla aus dem Felsen, mit nur 4,2 Kilometern Länge einer der kürzesten Flüsse Europas.

Ein paar Pedalumdrehungen später bietet uns ein feiner Yacht-Hafen einen Blick auf das Lieblingsspielzeug der Reichen. Die Ombla, die auf der Landkarte eine Bucht der Adria nördlich von Dubrovnik zu sein scheint, ist der ideale Ausgangspunkt für einen herrlichen Segeltörn. Uns interessiert zu diesem Zeitpunkt, als wir an der Marina in Komolac vorbeiradeln und knapp 145 Kilometer in den Beinen haben, nur mehr das Ziel: Das Hotel Sumratin auf der kleinen Halbinsel Lapad.

Das Hotel Sumratin erinnert wie manch andere Bleibe während unserer Tour an die sozialistische Vergangenheit des ehemaligen Vielvölkerstaates Jugoslawien. 

Wir betreten das Hotel und die Zimmer sehen genauso aus, wie in den 1980ern. Da wurden auch die überaus hygienischen Duschvorhänge „gepflanzt“, die seither scheinbar nicht ausgetauscht wurden. Na ja, ganz so schlimm war es nicht.

Für Menschen mit einem gewissen Sauberkeits-Fimmel, ja davon gab es in unserer Truppe, aber eine irrsinnige Überwindung, da in die Dusche zu steigen. Nur nicht beim Vorhang ankommen, lautet die Devise. Auch sonst ist die Einrichtung „klassisch“. Rote Teppiche, Betten mit extrem bequemen Matratzen.

Nach der obligaten Körperpflege geht es per Taxi ins Zentrum. Dubrovniks Altstadt, 1979 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, ist der Lohn für die Quälerei: das erste große Ziel der langen Reise ist erreicht.

„Perle der Adria“

Wir spazieren durch die wunderbare Altstadt und haben einen ersten Eindruck, warum Dubrovnik auch als „Perle der Adria“ oder „Kroatisches Athen“ bezeichnet wird. Wir schlendern auf dem Stradun – der Hauptstraße – entlang, genehmigen uns ein Eis und bestaunen die vielen kleinen und großen Sehenswürdigkeiten, die so eine Altstadt zu bieten hat.

Als weiteres „Highlight“ dieses Tages hat der Präsident noch ein Ass im Ärmel: Das Abendessen sollte zu einem Kabarett der besonderen Sorte werden. Schon alleine die Suche nach dem Lokal in einer der kleinen, engen Gassen Dubrovniks sorgt für Heiterkeit in unserer Runde.

Dann endlich, haben wir das Lokal gefunden. Aber es ist kein Platz frei, wir überlegen, weiterzusuchen. Aber die Chefin lässt uns nicht entkommen und begrüßt uns mit den Worten: „Moment, Moment, Moment, da gucken Karte, gucken Karte.“ Bei solch einer Begrüßung bleibt uns nur eine Möglichkeit: Warten, bis ein Tisch frei wird. Und der wird schneller frei als gedacht.

Und so beginnt der Kabarettabend: Wir bestellen Fischsuppe, Schinken, dann als Hauptgerichte Nudeln mit Meeresfrüchten, Tintenfisch gegrillt und so weiter… Die Suppen kommen nach den Hauptgerichten, der Schinken irgendwann dazwischen. Chaos pur, aber wir sind im Urlaub! Beim Nachbestellen von Getränken, hören wir nur: „Moment, Moment, Moment!“

Der Biss in den Tintenfisch wird für zwei „Protagonisten der quietschenden Kurbel“ zu einem „sandigen“ Erlebnis. Hier wird das Strandfeeling gleich mit dem Essen mitserviert. Ein paar Mal kauen, aber der Sand zwischen den Zähnen wird immer mehr. Nein, das geht wirklich nicht. Also werden die Tintenfische zurückgeschickt. Wir blicken durch das große Fenster ins Innere des Lokals. Die Köchin steht da und straft uns mit einem Blick, dass uns das Blut in den Adern gefriert.

Die Spaghetti mit Meeresgetier sind auch eine echte Augenweide. Der Appetit vergeht, obwohl eigentlich rund 5.000 verlorene Kalorien dem Körper wieder zugeführt werden sollten. Aber das herzhafte Lachen an diesem Abend entschädigt für das weniger genussvolle Essen.

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